SWITCH OFF
und hol Dir Dein Leben zurück

SWITCH OFF, der Digital-Detox-Blog von Monika Schmiderer

Wie wir der digitalen Stressfalle entkommen und wieder frisch, kreativ und selbstbestimmt leben. Ein Blog, der Spaß macht, informiert und Lust weckt, mal was Neues zu probieren. Come on in ;)

Smartphonesucht und Jugendliche. Ein Interview zum Zeitgeist

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Smartphone-Sucht bei Jugendlichen

Entschleunigung im digitalen Zeitalter
Smartphone-Abstinenz bei Jugendlichen

Ein Interview zum Zeitgeist

Marius Berg und Monika Schmiderer Unternehmerin, Rednerin und Autorin des Buches „SWITCH OFF und hol dir dein Leben zurück” im Gespräch. 19.07.2018

Frau Schmiderer, was verstehen Sie unter dem Begriff „Entschleunigung“?

Entschleunigung ist eine bewusste Reduktion des Lebenstempos auf allen Ebenen. Heutzutage meint Entschleunigung vor allem ein achtsames Aussteigen aus dem kollektiven Aktions- und Reaktionsmuster der „Digital Sofortness“ [digitale Ungeduld; d.V.] und damit auch das Etablieren einer individuell gesunden „Digital-Real-Life-Balance“. Also, dass ein gesundes Gleichgewicht zwischen dem beschleunigten technologisierten und dem analogen Erleben besteht.

Durch welche charakteristischen Merkmale zeichnet sich ein Entschleunigungsprozess aus, woran lässt sich dieser erkennen?

Der Beginn eines Entschleunigungsprozesses zeichnet sich zunächst durch eine Konfrontation mit Widerständen aus. Es besteht die Angst, alte Gewohnheiten loszulassen und negative Reaktionen der Mitmenschen zu ernten, aber auch Angst vor Veränderung, Leere, Langeweile, Einsamkeit und vor allem der Konfrontation mit den eigenen Gedanken und Lebensthemen. Die Zeit vergeht sehr langsam, die eigenen Gedanken werden sehr präsent und Sehnsüchte sowie Unzufriedenheiten wandeln sich. Man setzt sich vermehrt mit sich selbst sowie den eigenen Lebenszielen und deren Umsetzung auseinander. In diesem Zuge werden auch neue Gewohnheiten und Sichtweisen etabliert. Man lernt, mehr auf sich zu achten und wird somit auch selbstsicherer.

Wird ein Entschleunigungsprozess begonnen, um sich von einer Krankheit zu erholen oder anderweitig zu genesen, dann gibt es sicherlich auch eine Minderung von klassischen Stress-symptomen wie Bluthochdruck, Schlafstörungen, Angststörungen, Ohrengeräuschen oder Schmerzsyndromen als Indiz dafür, dass der Entschleunigungsprozess wirklich im Körper und im Nervensystem angekommen ist.

Wenn man davon ausgeht, dass jemand einen Entschleunigungsprozess durchläuft ohne vorher mit gewissen Stresssymptomatiken reagiert zu haben, wuürde ich sagen, dass eine wachsende Gelassenheit, leichtes Einschlafen, gutes Durchschlafen, eine gesunde persönliche Abgrenzungsfähigkeit gegenüber dem Umfeld oder Ereignissen von außen sowie die Fähigkeit, Informationen und Geschehnisse gut relativieren und verarbeiten zu können, Indikatoren für ein entschleunigtes Leben sind.

Durch einen Entschleunigungsprozess steht das eigene Lebenstempo spürbar im Einklang mit der eigenen Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, wodurch der Mensch mehr Möglichkeiten und einen besseren Zugang dazu hat, sich gut zu entwickeln, kreativ und lösungsorientiert zu arbeiten und durch einen weiteren Blickwinkel neue Zugänge zu aktuellen Fragestellungen in seinem Leben zu finden. Denn je schneller das eigene Lebenstempo ist, desto enger wird auch der eigene Wahrnehmungskorridor, desto beschleunigter wird die eigene Reaktionszeit. Dementsprechend würde man einen Entschleunigungsprozess auch daran erkennen, dass man sich in einem gelassenen, presenten Wachzustand befindet und sich nicht mehr gefangen, gehetzt oder gejagt fühlt.

Also lassen sich Gelassenheit, Produktivität und Kreativität als einschlägige Merkmale eines Entschleunigungsprozesses festhalten?

Ja. Obwohl Produktivität nicht in dem Sinne gemeint ist, wie sie derzeit gemeinhin gebraucht wird, sondern eher im Sinne einer schöpferischen Natur – also nicht Produktivität um der Umsatzsteigerung Willen oder um der Effizienz Willen. Sondern Produktivität, die dem Wesen der Produzent_innen entspricht. Dabei kann Produktivität für Sie etwas ganz anderes bedeuten, als für mich.

Ist die Digitalisierung ein Fluch oder Segen?

Die Antwort lautet definitiv: Sowohl als auch. Primär ist die Digitalisierung sicherlich ein Segen, denn wir beide würden jetzt nicht sprechen, wenn es die Digitalisierung nicht gegeben hätte. Sie würden diese Arbeit nicht aufnehmen. Ich hätte dieses Buch [gemeint ist das Buch „SWITCH OFF und hol dir dein Leben zurück. Wie wir der digitalen Stressfalle entkommen. Ihr 14-Tage-Programm für mehr Kreativität und Lebensfreude“] nicht geschrieben. Andererseits würden wir nicht sprechen müssen. Sie würden diese Arbeit nicht schreiben müssen. Daher lautet die Antwort: Sowohl als auch.

Die Digitalisierung ist als Instrument des Fortschritts insofern ein Segen, als dass der Mensch nun vor zahlreichen neuen Möglichkeiten steht, die er so noch nie hatte. Im selben Moment ist die Digitalisierung ein Fluch, weil die Individuen jetzt mehr denn je dazu angehalten sind, einen Umgang mit digitalen Medien zu entwickeln, der für sie in ihrem eigenen Leben und in ihrer eigenen Lebensgestaltung und Zukunft lebbar ist und lebbar bleibt. Dies gilt für alle Altersschichten, aber natürlich im Besonderen für die „Digital Natives“ [im digitalen Zeitalter aufwachsende Personen; d.V.]. Durch die Digitalisierung ist eine sehr große Eigen-verantwortung entstanden, die wir nicht gewohnt sind, weil es historisch gesehen ein neues Phänomen ist, dass das Individuum so viel Zugang zu allen möglichen Informationen, Produkten und Leistungen hat und dadurch gleichzeitig viel Macht gewinnt. So frei oder so fähig waren wir einfach noch nie und damit müssen wir als Gesellschaft und als Menschen vielleicht in großen Teilen erst umgehen lernen. Und jetzt rufen natürlich viele danach, dass man diese Freiheit bitte wieder wegnehme und zensiere und limitiere. Das hat sicherlich auch eine Berechtigung, aber wenn jeder Mensch für sich einen individuell gesunden, schöpferischen, kreativen, proaktiven und positiven Umgang mit all dem findet, ist die Digitalisierung der größte Segen, den wir jemals hatten, glaube ich. So schließe ich mich Stewart Brand an, der schreibt: „We are as gods and might as well get good at it.“

Stichwort Medienkompetenz – welche Voraussetzungen müssen Jugendliche aus Ihrer Sicht für einen kompetenten Umgang mit digitalen Medien erfüllen?

Wie für jede andere Kompetenz ist die Bereitschaft, einen gesunden Umgang zu entwickeln und sich nicht einfach mitreißen zu lassen mit diesem virtuellen Sog, eine wichtige Voraussetzung. Doch auch eine gewisse Reflektionsfähigkeit und die Fähigkeit, zu erkennen, welche Gefahren, Nutzen, Chancen und Potentiale digitale Medien darlegen, ist von Nöten. Außerdem sollten Jugendliche und Menschen im Allgemeinen – gerade ältere Menschen verhalten sich oftmals viel medieninkompetenter als Jugendliche – eine gewisse Ich-Stärke mitbringen. Eine stabile Rückbindung zu anderen realen Menschen, eine gute Relativierungs-fähigkeit, von der wir schon gesprochen haben, aber auch Möglichkeiten, sich real aus-zutauschen, miteinander real zu interagieren und somit diesem stummen Netz eine Sprache zu geben, sind weitere wichtige Voraussetzungen. Es darf nicht alles im Schweigen passieren, denn der digitale Konsum passiert ja ohnehin normalerweise schweigend und bewegungslos. Das Ganze muss wieder in Aktion kommen, gesprochen und ausagiert werden. Ganz entscheidend für mich sind auch das Beibehalten und Wiederfinden von analogen Hobbies, schöne Dinge außerhalb der technologisierten Welt, das Erleben mit allen Sinnen, reale Erfolge und reale Anerkennung. Der Selbstwert eines Individuums sollte nicht nur durch Likes, Punkte oder Trophäen in irgendwelchen Spielen oder Challenges bestimmt werden. Den „Millennials“ [im Zeitraum der Jahrtausendwende geborene Menschen; d.V.] wird heut-zutage, vor allem in der Arbeitswelt, vorgeworfen, dass sie nicht mehr warten und auf nichts mehr hinarbeiten können. Geduld ist das Stichwort, gerade weil die heutige Zeit so kurzatmig und schnelllebig geworden ist.

Bis zu welcher Grenze ist der Konsum digitaler Medien „gesund“? Ab wann wird es „gefährlich“?

Laut meinen Recherchen stehen wir momentan an einem Punkt, an dem wir circa 37 Stunden der privaten Freizeit mit Geräten verbringen, sei es online, mit Fernsehen, Radio oder Ähnlichem. Bei der Smartphone-Sucht sprechen wir von einer Verhaltenssucht. Dem-entsprechend ist hier nicht die Frage, wie viel ist zu viel, sondern vielmehr was ist zu viel oder wie ist es zu viel? Das ist individuell zu klären. Es geht dabei gar nicht darum, zu sagen, ein Mensch ist gefährdet oder smartphonesüchtig, weil er täglich fünf Stunden seiner privaten Zeit online verbringt. Was ich online mache, ist viel entscheidender, als wie lange ich online bin. Bei einer Verhaltenssucht wie der Smartphone-Sucht gilt es, bestimmte Signale zu erkennen.

Gedanken über unseren Medienkonsum sollten wir uns beispielsweise machen, wenn wir kaum noch einen Nachmittag, Abend oder Tag auf das Smartphone oder die mediale Ablenkung verzichten können oder wenn wir eine medienfreie Offline-Zeit nicht mehr genießen können, sondern verstärkt Unruhe und Entzugserscheinungen an uns bemerken. Dann ist die Frage: Reagiere ich immer aggressiv oder gereizt, wenn zum Beispiel kein Netz zur Verfügung steht oder ich das Gerät aus anderen Gründen nicht verwenden kann? Ein weiteres Indiz ist, mehr Zeit mit dem Gerät zu verbringen, als man eigentlich wollte, während die Dauer und Intensität des Konsums kontinuierlich ansteigt, oder zu lügen, was die eigene Mediennutzung anbelangt und infolgedessen heimlich zu konsumieren. Problematisch wird es auch dann, wenn man in Kauf nehmen würde, soziale Kontakte zu verlieren oder soziale Probleme zu haben, um weiter am Gerät bleiben zu können, wenn man anfängt, das Gerät den realen sozialen Kontakten wie Freund_innen, Familie oder Hobbies vorzuziehen. Ein letztes Signal wäre, wenn man gar nicht mehr weiß, wie man es überhaupt schaffen sollte, das Gerät auszuschalten. Dann wird es gefährlich. Und es gibt natürlich Menschen, bei denen greift das schon bei einem 15-stündigen Konsum in der Woche. Andere Menschen sind „Heavy User“ [Intensivnutzer; d.V.], haben aber trotzdem absolut kein Problem damit, das ganze Wochen-ende frei zu sein. Es ist demnach immer abzuwägen, warum und wie konsumiert wird.

Das Smartphone als ständiger Begleiter von Jugendlichen und populärstes digitales Medium - welche Chancen und Risiken sehen Sie?

Das Smartphone ist mittlerweile zum wichtigsten Alltagsgegenstand geworden und ist selbst-verständlich das Nonplusultra für erleichterte Kommunikation sowie erleichterte Recherche und ein Medium, um kleine Probleme schnell lösen zu können. Das ist natürlich ein großer Vorteil. Es gibt darüber hinaus viele kreative Möglichkeiten zum Selbstausdruck. Durch das Smartphone wird ein neues Verständnis von Distanz geprägt und globale Vernetzung ermöglicht.

Als Risiko empfinde ich, dass das Smartphone natürlich einen Support der „Digital Sofortness“ par excellence darstellt. Es löst – und das sehe ich auch bei meinen Workshop-Teilnehmer_innen – einen unglaublichen sozialen Druck aus. Dies hat einerseits statussymbolische Gründe. Andererseits werden alle Verbindlichkeiten gegenüber Eltern, Freund_innen oder Partner_innen durch das Smartphone extrem gesteigert und die Menschen können sich nicht mehr wirklich frei bewegen, da sie ständig unter dem Druck der Erreichbarkeit und Kontrolle stehen. Dies fördert wiederum Suchtentwicklungen. Eine weitere große Gefahr – und das haben Sie sicherlich auch gelesen, als sie mein Buch gelesen haben – ist die Entfremdung von sich selbst durch diese Dauerablenkung, die Ablenkung von der eigenen Persönlichkeit und den eigenen Lebensthemen, der Verlust von Hobbies, der Verlust von einem erfüllten Selbstbild und von den großen Qualitäten, die in der analogen Welt warten oder präsent wären.

Sehen Sie das Smartphone als ausschlaggebenden Faktor hinsichtlich des Stressempfindens von Jugendlichen?

Ich glaube, dass die Jugend von heute sehr, sehr vielen verschiedenen Stressoren ausgesetzt ist. Das Smartphone bringt sicherlich viele dieser Stressoren sehr nah und auch ungefiltert und ungebremst an das Individuum heran. Meiner Meinung nach, ist das Smartphone nach wie vor ein Medium. Wenn ich als Jugendlicher Angst vor der Weltpolitik oder der Entwicklung des Arbeitsmarktes habe, dann hat das nichts mit dem Smartphone zu tun. Aber das Smartphone bringt mir diese Sachverhalte ungefiltert, mit hetzerischen Schlagzeilen aufbereitet, auch noch um 23:30 Uhr in mein Kinderzimmer. Demnach ist nicht das Smartphone an sich das eigentliche Problem, sondern das Medium, dass diese Probleme sehr nah an Jugendliche heranträgt.

Denken Sie, dass der alleinige Verzicht auf Smartphones eine Entschleunigung des jugendlichen Alltags bewirken kann?

Ja, natürlich. Absolut und massiv.

Studien belegen, dass die Mediennutzung nach einer digitalen Auszeit tendenziell höher ist, als vor einem Verzicht. Halten Sie eine Smartphone-Auszeit angesichts dessen für sinnvoll oder sollte ein Entschleuni-gungsprozess eher auf einem kontinuierlich niedrigen Smartphone-Konsum basieren?

Ich bin überzeugt davon, dass eine längere Pause oder Abstinenz im Falle einer Smartphone-Sucht oder eines problematischen Konsums nötig ist, um eine Person ganzheitlich zu entspannen, den Blickwinkel zu erweitern und neue Perspektiven gewinnen zu können. Aus meiner Sicht sind dabei zehn bis 14 Tage das Minimum.

Bei smartphoneabhängigen Menschen gibt es das gleiche Symptom wie bei nikotin- oder alkoholabhängigen Personen. Wenn man für einen kurzen Zeitraum, beispielsweise zwei Tage, vom Gerät weggesperrt ist, kommt es, wenn das Gerät wieder verfügbar ist, unter Umständen zum sogenannten „Binge-Eating“ oder „Binging“ [gemeint ist ein unkontrollierter und exzessiver Konsum; d.V.]. Dann wird jede E-Mail geöffnet, jede App durchforstet. Wenn Proband_innen nach einer digitalen Auszeit ihren Konsum erhöhen, kann man, meiner Meinung nach, davon ausgehen, dass die Abstinenz nicht langanhaltend genug war, um wirklich so weit zu entspannen, dass bestimmte Inhalte relativiert worden sind. Wenn der Konsum nach einer Abstinenz ansteigt, müssen wir uns bewusst sein, dass wir dann erst recht von einer Verhaltenssucht sprechen, die Proband_innen dann erst recht therapiebedürftig oder betrachtungswürdig sind. So würde ich das sehen.

Und ich glaube, dass eine Auszeit sehr, sehr essentiell ist, um genau diese Phase zu umgehen, neue Ressourcen aufzubauen und zu sagen: Ich relativiere all das. Diese „Fear of missing out“ [Angst, etwas zu verpassen; d.V.], diese „Social media anxiety“ [durch soziale Medien hervorgerufene Angst; d.V.] nimmt in mir und in meinem Empfinden so stark ab, dass ich gar nicht das Bedürfnis habe, nach 14 Tagen alle Apps gleichermaßen intensiv zu nutzen wie vor der Abstinenz.

Genügt eine 14-tägige Smartphone-Auszeit aus Ihrer Sicht, um einen langfristigen, bewussten Smartphone-Konsum bei Jugendlichen zu erzielen?

Meiner Meinung nach, ist eine begleitete 14-tägige Smartphone-Auszeit, deren Begleitungsziel es ist, einen nachhaltigen Konsum zu etablieren, auf jeden Fall sehr erfolgsversprechend.

Ich bin ohnehin ein großer Verfechter davon, diese Auszeiten pädagogisch in irgendeiner Form zu begleiten. Ich finde es nicht in Ordnung, Menschen die Geräte wegzunehmen und sie in die Leere laufen zu lassen. Deswegen ist mein Programm [gemeint ist das Buch „SWITCH OFF und hol dir dein Leben zurück. Wie wir der digitalen Stressfalle entkommen. Ihr 14-Tage-Programm für mehr Kreativität und Lebensfreude“; d.V.] auch so gestaltet, dass es eine Morgen-, eine Mittags- und eine Abendeinheit gibt. Denn die Menschen, die wirklich Bedarf nach einer digitalen Auszeit haben, haben auch in Wahrheit einen Bedarf nach Führung. Demnach muss man hier wirklich berücksichtigen, wie die Menschen in dieser Auszeit betreut werden. Einfach auf sich allein gestellt zu sein, stelle ich mir in dem Zusammenhang schwierig vor. Ich würde mich nicht trauen, jemandem zu empfehlen: Lasse zwei Wochen lang alle deine Geräte ausgeschaltet und dann viel Spaß! Das würde ich nicht verantworten wollen. In diesen 14 Tagen muss genau das passieren, was wir bereits besprochen haben – diese Ich-Stärkung, dieses Relativieren der Inhalte, dieses Anbinden an reale Dinge und auch an die eigenen Ressourcen, diese realen Erfolgserlebnisse, all diese Dinge. Wenn in einer Smartphone-Auszeit eine entsprechende Begleitung da ist, glaube ich, dass ein ganz neues Bewusstsein entstehen kann.

Bezüglich meines 14-tägigen Digital-Detox-Programms gehen die Rückmeldungen von Menschen, die sich wirklich auf das Programm eingelassen haben, sehr stark in die Richtung, dass es funktioniert. Vor allem eine Veränderung des Bewusstseins sei spürbar und durch die Veränderung des Bewusstseins verändert sich das Verhalten. Es gibt einige SWITCH OFF-abenteurer_innen, die gewisse Apps seither nicht mehr reinstalliert haben, gewisse Medien oder Kanäle ganz aussparen, weil das Programm nicht nur gehört, sondern erlebt und verstanden wurde. Es wurde in diesen 14 Tagen verinnerlicht und das ist der Unterschied. In einer digitalen Offline-Zeit fällt natürlich alles sehr schnell auf einen selbst zurück und man wird natürlich medienabhängig, wenn man sich verstreuen und von sich selbst ablenken will und wird zu einem von außen gelenkten Individuum. Wenn dieses von außen gelenkte Individuum, das man geworden ist, nicht mehr von einem Medium gelenkt wird, dann fällt das alles auf einen selbst zurück und meine Klient_innen melden mir: „Ich habe auf einmal so viele Gedanken. Was soll ich mit meinen Gedanken tun?“. Die Qualität der Gedanken, die Auseinandersetzung mit sich selbst, die Auseinandersetzung mit den eigenen Lebensthemen – das ist schon eine Herausforderung, die natürlich zwangsläufig in dieser Zeit auf einen zukommt, weil eine Dauerablenkung nicht mehr möglich ist.

Halten Sie Smartphone-Verbote an Schulen für sinnvoll?

Ich halte Smartphone-Verbote an Schulen insofern für sinnvoll, als dass sie zeitlich reguliert sein sollten. Ich würde Kindern nicht verbieten, ihre Smartphones zur Schule mitzubringen. Soweit würde ich nicht gehen. Stattdessen würde ich auch hier ein sowohl als auch gut finden. Es sollte natürlich smartphonefreie Zeiten von Uhrzeit X bis Uhrzeit Y an Schulen geben. Zeitgleich sollte es aber ganz klar auch Unterrichtsfächer geben, in denen das Smartphone sowie andere digitale Medien, deren Inhalte und Erlebniswelten Unterrichtsgegenstand sind. Gerade wenn Nachmittagsbetreuungen an Schulen existieren, sollte es möglich sein, dass das Smartphone dort präsent ist und ein freudvoller, interaktiver Austausch mit der digitalen Welt begleitet wird. Ich würde das Smartphone nicht von den Schulhöfen verbannen. Das würde auch eine surreale Situation erzeugen. Stattdessen sollte und muss es in den Schulalltag integriert werden.

Welche Handlungsempfehlungen würden Sie für den Umgang mit Smartphones an Schulen geben? Wie kann Medienkompetenz und ein bewusster Umgang mit Smartphones gezielt gefördert werden?

Wenn ich mir etwas wünschen könnte – und ich bin auch Mutter – dann hätte ich gern einmal in der Woche oder einmal alle zwei Wochen einen „Tech-Day“ [gemeint ist ein Tag rund um das Thema Technik; d.V.], an dem die Kinder und Jugendlichen wirklich mit Technologie umgehen und all das lernen, was über Maschinenschreiben hinausgeht. Der Förderung von Medienkompetenz würde ich sicherlich 20 bis 30 Prozent der Unterrichtszeit widmen, denn das ist die Zukunft. Dabei denke ich beispielsweise an das Erlernen des Programmierens oder auch das Bearbeiten von Fotos und Videos – richtige interaktive Softwarezeiten, in denen alle diese Dinge unterrichtet werden. Und es sollte auch Unterrichtseinheiten geben, in denen das Thema verarbeitet werden kann – sei es über Kreativtechniken, Theater, Zeichnungen, Sprechen, Poetry oder dass man beispielsweise einen eigenen YouTube Kanal startet. Themen wie Cybermobbing, die im Internet unter dem Deckmantel der Gesichtslosigkeit geschehen, sollten sowohl aus der Perspektive der Opfer, als auch der Täter_innen und Zuseher_innen in der Schule einen Raum bekommen und besprochen werden. Das stumme Netz muss wieder eine Sprache bekommen. Gerade am Nachmittag sollte es lockere Situationen und Möglich-keiten geben, mit dem Smartphone zu interagieren und beispielsweise gemeinsam neue Apps kennenzulernen. Kinder und Jugendliche sollten auch Spiele auf dem Smartphone spielen dürfen. Doch vor allem sollten sie lernen, welche sinnvollen Dinge sie damit tun können. Denn es macht ja einen Unterschied, ob ich nur am „daddeln“ [spielen; d.V.] bin oder gerade eine neue Website baue, irgendetwas Neues programmiere oder Ähnliches. Es kommt darauf an, was ich mit dem digitalen Medium mache. Den Kindern und Jugendlichen muss sehr viel beigebracht und vermittelt werden, sodass sie sich sicher innerhalb der technologischen und digitalen Sphäre bewegen können und diese Sphäre auch positiv mitgestalten können. Dieser ganze „Creators-Aspekt“ [gestalterischer Aspekt; d.V.] sollte vielmehr in den Vordergrund treten. Abgesehen davon, halte ich regelmäßige Offline-Tage an Schulen einmal pro Woche oder einmal alle zwei Wochen für ebenso wichtig wie die genannten „Tech-Days“.

Schulen sind meiner Meinung nach besonders dazu angehalten, den richtigen Umgang von Kindern und Jugendlichen mit negativen und auch positiven Emotionen im Netz zu fördern. Denn die Euphorie nach einem Like-Sturm ist mindestens genauso schädlich für den realen Selbstwert wie gemobbt zu werden. Für den richtigen Umgang mit solchen Phänomenen müssen in der Pädagogik ganz klare pädagogische Methoden entwickelt oder weiterentwickelt werden – wie man solche Sachverhalte ins Reale holt, ausagiert und wieder in Relation setzt. Denn die virtuelle und reale Welt stehen oftmals nicht mehr wirklich in Relation zueinander. In diesem Zusammenhang fällt mir eine Übung ein, die ich in meinen Workshops durchführe und vielleicht interessant für Sie sein könnte. Wenn die Teilnehmer_innen erstmalig zum Workshop kommen, stellen wir uns zweimal in der Runde vor. Einmal stellt man sich mit Hilfe des eigenen Social Media Profils vor, indem man Bilder von sich selbst und somit die eigene Darstellung im Netz zeigt. Dann wechseln die Teilnehmer_innen ihren Standort im Raum, legen das Smartphone zur Seite und stellen sich noch einmal vor – „Das bin #ich und meine virtuelle Selbstdarstellung“ versus „Das bin #ich ohne virtuelle Selbstdarstellung“. Das ist, glaube ich, auch eine sehr effektive Übung für Kinder und Jugendliche. Es ist nämlich schon bei den Erwachsenen oft ein riesengroßer Aha-Moment gleich zu Beginn des Kurses. Solche Selbsterfahrungsübungen sollten regelmäßig in Schulen stattfinden.

Ein weiteres Augenmerk der schulischen Arbeit sollte aus meiner Sicht auf der Integration der Eltern liegen. Es sollte verstärkt Elternabende oder andere Veranstaltungen zu Themen wie Smartphones oder der Digitalisierung im Allgemeinen geben, sodass die Eltern neue Informationen bekommen. Denn wir haben momentan sehr stark das Problem, dass Eltern gar nicht mehr wissen, was überhaupt alles in den Zimmern ihrer Kinder möglich ist. Viele Eltern verlieren dazu völlig den Bezug, wodurch der Generationenkonflikt eine ganz neue Form annimmt.

All diese Dinge sollten fest im Schulprogramm einer Schule verankert sein und es sollte nicht erst reagiert werden, wenn etwas Schlimmes passiert ist.

Der Fokus an Schulen sollte also vielmehr auf präventiven Maßnahmen liegen?

Ja, denn ich glaube, dass es kaum noch Individuen gibt, die nicht in irgendeiner Form bereits von problematischem Konsumverhalten berührt sind. Und sei es nur durch eine latente Angststörung, die sich bei gewissen Schüler_innen aufgrund der vielen medialen Informationen entwickelt. Erst kürzlich wurde eine interessante Studie veröffentlicht, in der ein österreichisches Krankenhaus Kinder mit Schlafstörungen untersuchte. Es kam heraus, dass diese Störungen in den meisten Fällen durch Medienkonsum bedingt wurden. Wir wissen in der Regel – auch in pädagogischen Einrichtungen – oft gar nicht, wie viele Kinder eigentlich stumm leiden, weil sie von den Erlebnissen in der virtuellen Welt verunsichert, gestresst oder unter Druck gesetzt werden. Selbst den Eltern ist das oftmals nicht bekannt. Neben Schlafstörungen bei Kindern werden auch Angststörungen, Leistungsabfall, soziale Defizite oder Angst vor sozialen Kontakten durch die sozialen Medien enorm verstärkt. Diese Themen sind bereits real, aber passieren halt im Stillen. Und insofern ist das Wort Prävention vielleicht auch gar nicht mehr angebracht.

Weil die Probleme bereits allgegenwärtig sind.

Ja, genau. Aber wie ich schon sagte, sollte ein gesunder und ausgewogener Konsum das Ziel sein. Ich halte absolut nichts davon, Kindern und Jugendlichen zu suggerieren, dass die Technologie und die Digitalisierung der Welt eine schlechte Entwicklung wären, weil diese Entwicklung ohnehin nicht mehr zu stoppen sein wird. Es wäre gut, wenn man die nächste Generation so prägen könnte, dass sie bereit ist, diese neue digitalisierte Welt positiv mitzugestalten, anstatt sich davor zu fürchten oder zu verschließen und dadurch die Macht ohnehin an die Konzerne abzugeben, die wir alle kennen.

Sie konnten mir im Rahmen des Experteninterviews bereits sehr viele neue Eindrücke und Sichtweisen vermitteln. Gibt es etwas, das Sie abschließend noch einmal betonen oder ergänzen möchten?

Ich möchte noch einmal die große Relevanz der Eltern für die Smartphone-Nutzung von Kindern und Jugendlichen betonen. Es gab in den letzten Jahren Aufschreie getreu dem Motto „Apple raubt mir mein Kind“. Dieser Spieß dreht sich mittlerweile um. So gibt es jetzt in Deutschland erste Kampagnen mit der Aufforderung, dass sich Eltern bitte um ihre Kinder kümmern sollen, anstatt am Smartphone zu hängen. Smartphoneabhängige Kinder übernehmen unter Umständen die Konsumverhaltensweisen ihrer Eltern. Wenn ein Kind zuhause nichts anderes sieht als Erwachsene, die 37 Stunden ihrer privaten Freizeit mit Geräten verbringen, dann wird es für solch ein Kind schwierig werden, zuhause entsprechende Ansprechpartner zu finden. Der digitale Konsum der Eltern spielt demnach eine wichtige Rolle. Es ist belegt, dass Kinder mit Wut, Aggression und Trauer reagieren, wenn die Eltern am Handy sind, anstatt ihre Aufmerksamkeit ihren Kindern zu schenken. Es ist ebenso erwiesen, dass Kinder, deren Eltern Bücher lesen, auch eher zu Büchern greifen und Kinder, deren Eltern fernsehen oder surfen, ebenfalls den Griff zum Smartphone oder Tablet vorziehen. Die Vorbildrolle ist also wichtiger denn je. Und auch der Druck, den die Eltern über Smartphones auf ihre Kinder projizieren, muss berücksichtigt werden. Ich glaube, es wäre ein massiver Elternaufschrei, wenn die Kinder ihre Geräte nicht mehr zur Schule mitbringen dürften, weil sehr, sehr, sehr viele Eltern ein Problem damit hätten, ihre Kinder nicht mehr auf Abruf kontrollieren zu können. Dabei würde ich mir gerade wünschen, dass es einen ausgewogenen Weg zwischen Kontrolle und Freiheit gibt. Natürlich ist der Ruf danach, zu kontrollieren, was Kinder an ihren Geräten tun, berechtigt. Doch andererseits ist es auch eine enorme Form der Beschneidung. Ich weiß von vielen Kindern, dass sie während der Schulzeit Nachrichten von ihren Eltern bekommen, um zu klären, ob alles in Ordnung ist. Dieser Kontrollzwang der Eltern führt zu einem Onlinezwang für das Kind und insofern sind das zwei Seiten der selben Medaille. Ich glaube, für ein stimmiges pädagogisches Konzept gehören die Eltern mindestens genauso dazu wie die Kinder und vermutlich sind die Eltern die schwierigeren Parameter.

Ich habe erst kürzlich einer Workshop-Teilnehmerin eines dieser ganz rudimentären Tastentelefone empfohlen, die mittlerweile wieder von einigen Firmen in eleganter, moderner Form entwickelt werden. Es gibt mittlerweile sogar Geräte, die nicht einmal mehr Nachrichten senden oder empfangen können, sondern nur noch Anrufe ermöglichen. Diese Geräte dienen als Notfallgeräte und stellen vielleicht wirklich eine Option dar, auf die man in vielen Familien oder Fällen zwangsläufig zurückgreifen muss, da die Angststörung der Eltern – nennen wir es einmal beim Namen – bereits so ausgeprägt ist, dass das Kind gar keine andere Möglichkeit mehr hat, als eine Smartphone-Abhängigkeit zu entwickeln. Die Angststörung der Eltern erzeugt im Grunde eine Smartphone-Abhängigkeit des Kindes und das sind Dynamiken, die mittlerweile offensichtlich werden, für die es aber auch bereits technologische Antworten gibt.

Und deswegen freue ich mich so, Herr Berg, wenn Menschen wie Sie sich diesem Thema widmen, weil ich glaube, wir müssen alle gemeinsam ein offenes Auge und Ohr für dieses Thema haben und gemeinsam versuchen, für die verschiedenen Menschen Lösungen anzubieten. Und Sie werden andere Menschen erreichen als ich und ich werde andere Menschen erreichen als andere Kolleg_innen, die ebenfalls zu diesem Thema publizieren, und so weiter. Versuchen wir gemeinsam, ein Bewusstsein in unsere Zeit zu bringen. Obwohl wir heute vielleicht noch nicht genau wissen, wie wir mit manchen Dingen umgehen sollen, bin ich grundsätzlich eine Befürworterin der Weiterentwicklung und überzeugt davon, dass wir durch die Digitalisierung in eine gute neue Zeit gehen. We are creators, Herr Berg. We are creators! Leben wir auch so.

Vielen Dank für das Interview

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Monika Schmiderer